Warum der Begriff „Massentierhaltung“ wenig hilfreich ist

von Christian Dürnberger, Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung (Wien), sowie Institut TTN an der LMU München

Kategorie: Gastbeitrag
„Massentierhaltung“ ist kein deskriptiver Begriff. Wer ihn verwendet, möchte weniger neutral beschreiben als vielmehr anprangern.

Bereits in den 1970ern, als der Begriff zum ersten Mal prominent in den Debatten auftauchte, diente er als ein Schlagwort, um die als negativ empfundenen Auswüchse eines bestimmten landwirtschaftlichen Systems einprägsam auf den Punkt zu bringen. Die Assoziationen, die der Begriff dabei bis heute weckt, sind klar: Zu viele Tiere auf zu wenig Platz; Tierquälerei; keine artgerechte Tierhaltung; kurzum: eine Nutztierhaltung, die alles ihrer Profitgier unterordnet und auf das individuelle Wohl der Tiere keine Rücksicht nimmt.



Idealbild von Landwirtschaft als technikferner Idylle



Der Begriff transportiert also moralische Empörung. Aber noch mehr als das: In der Kritik klingen auch Gegenmodelle einer gänzlich anderen Landwirtschaft durch. Oft genug geht es dabei nicht nur um höhere tierethische Standards, sondern ebenso um kleinere Betriebsgrößen, die idealerweise familiär geführt werden, es geht um eine Landwirtschaft, die nicht von Technisierung und Automatisierung geprägt ist, die sich also nicht jenen Dynamiken unterwirft, wie sie den Rest der Gesellschaft ergriffen haben. In vielen Idealbildern der Landwirtschaft – man beachte die gängigen Argrarmarketingstrategien unserer Zeit – spielen Technik und Innovation keine Rolle. Landwirtschaft präsentiert sich im Gegenteil gerne als technikferne Idylle. Oder kennen Sie eine Milch, die sich mit dem Slogan verkauft „Wir haben die modernste Melkanlage der Welt“?

Damit soll nicht gesagt sein, dass Kritiker einer „Massentierhaltung“ notwendigerweise einem verträumten, verzärtelten Bild von Landwirtschaft nachhängen, aber es muss bewusst gemacht werden: Wo auch immer über bestimmte Formen der Landwirtschaft und der Nutztierhaltung diskutiert und geurteilt wird, geht es nicht nur um quantifizierbare Kriterien, vielmehr spielen sich diese Debatten stets auch vor wirkmächtigen ideengeschichtlichen Hintergrundfolien ab, die selten explizit gemacht werden und damit die Diskussionen oftmals eher erschweren.

Vergleichsweise geringer Einfluss der Betriebsgröße auf das Tierwohl



Wie steht es hierbei um den Begriff der „Massentierhaltung“? Vermag er einen Beitrag dazu zu leisten, die notwendig zu führenden Debatten zu klären und zu ordnen? Worin liegt sein eigentlicher Aussagewert? Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA), der in jüngster Vergangenheit seinen viel diskutierten Bericht über zukunftsfähige Formen der Nutztierhaltung vorgelegt hat, sieht dies kritisch. Der WBA schreibt hierzu: „Nach derzeitigem Kenntnisstand hat die Betriebsgröße gegenüber anderen Einflussfaktoren (wie der Managementqualität) einen vergleichsweise geringen Einfluss auf das Tierwohl.“ Ob es sich also um einen großen oder kleinen Stall handelt, lässt kaum etwas darüber vermuten, wie es um die Tiergesundheit und das Wohlbefinden des einzelnen Tiers bestellt ist, so der WBA. Ein großer, neu gebauter Stall kann demnach nicht nur verbesserte Hygiene und Lebensmittelsicherheit mit sich bringen, sondern durchaus auch höhere tierethische Standards.

Darauf aufbauend zieht der Beirat den Schluss, dass die gegenwärtige starke Fokussierung auf den Begriff der „Massentierhaltung“ der gesamten Debatte wenig geholfen hat. Diesem Fokus, so der WBA, sei entgegenzuwirken. Der gewünschte intensive Diskurs zwischen Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik unter Einbeziehung der Wissenschaft soll vielmehr die entscheidenden Fragen rund um Tier- und Umweltschutz stellen: Wie steht es um die Tiergesundheit? Was bedeutet artgerechte Nutztierhaltung? Wie sind Ängste und Stress der Tiere zu verringern? Wie ist die Gülleausbringung zu organisieren? Aber auch: Wie ergeht es den Menschen in der Nutztierhaltung? Unter welchen Bedingungen verrichten sie ihre Arbeit?

Begriff „Massentierhaltung“ verhärtet die Fronten

Verfolgt man die gesamte Auseinandersetzung, ließe sich die These in den Raum stellen: Der (Kampf)Begriff der „Massentierhaltung“ hat sein Gutes, hat er doch wahrscheinlich mehrere Generationen für ethische Fragestellungen rund um die Nutztierhaltung sensibilisiert. Die angesprochene moralische Empörung wurde geweckt. Wenn es aber darum geht, mit dieser Empörung nun konstruktiv umzugehen, ist der Begriff wenig hilfreich. Er zieht die Fronten immer tiefer und stellt manche an den moralischen Pranger. Der Begriff erlaubt gerade uns Nicht-Nutztierhaltern den bequemen moralischen Fingerzeig auf jene, die die Tiere so halten, damit unser Fleisch günstig an der Ladentheke zu erstehen ist. Ich weiß, dass dieses Votum mittlerweile zur Phrase geworden ist, nichtsdestotrotz ist es kein gangbarer Weg, bei Nahrungsmitteln immer nur auf den günstigsten Preis zu achten und gleichzeitig höhere tierethische Standards einzufordern. Wie es auch – dieser Punkt soll nicht unter den Tisch fallen – ebenso wenig ein gangbarer Weg für die Landwirtschaft sein kann, alle Defizite im eigenen Betrieb stets bloß auf den fehlenden Konsumentenwillen zurückzuführen. Aus dieser Sackgasse der gegenteiligen Schuldzuweisung muss die Debatte befreit werden. Stigmatisierende Parolen brechen hierbei den Dialog an einer Stelle ab – wo er über konkrete tierschutzrechtliche, hygienische und ökologische Fragen erst beginnen müsste.

Mag. Christian Dürnberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung (Wien), sowie am Institut TTN (Technik-Theologie-Naturwissenschaften) an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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der Begriff (Massentierhaltung )entstand als die Masse der Menschen keine Tiere mehr hielt

josef Wohlfrom
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07.10.2015   
1444205167
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