Kann in der Putenhaltung schon bald auf die Schnabelbehandlung verzichtet werden?

von Prof. i. R. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, WING

Kategorie: Gastbeitrag
Weil es in Putenbeständen zu sogenanntem Federpicken kommen kann, wird bei Puten eine Behandlung der Schnabelspitzen vorgenommen, um schwere Gefiederschäden, die zu einem Leiden der Tiere führen würden, sowie hohe Mortalitätsraten zu verhindern. Geflügelhalter, Tierschutzorganisationen und Politiker vertreten zum Teil sehr konträre Meinungen hinsichtlich der Notwendigkeit, diese Maßnahme durchzuführen. Im Rahmen mehrerer Pilotprojekte sucht die Geflügelwirtschaft bereits seit geraumer Zeit nach Möglichkeiten, in Zukunft ohne die Schnabelbehandlung auskommen zu können.

Federpicken und Kannibalismus sind Verhaltensstörungen, die schon seit Jahrzehnten unabhängig von der Haltungsform in Putenbeständen auftreten. Erstmals beschrieben wurden diese Phänomene bereits 1873 von R. Oettel. Beim Federpicken werden Puten von ihren Artgenossen schwere Gefiederschäden zugefügt, die sogar bis zum Kannibalismus führen können. Um eine solche Verhaltensstörung zu unterbinden oder in einem kontrollierbaren Rahmen zu halten, werden die Schnabelspitzen der Puten behandelt. Hierzu sieht § 6 des Tierschutzgesetzes vor, dass ein solcher Eingriff im Einzelfall von den Aufsichtsbehörden genehmigt werden kann, wenn er „für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlässlich ist“. Die Schnabelbehandlung dient also dem Schutz des einzelnen Tieres oder des gesamten Bestandes.

Wie erfolgt die Schnabelbehandlung?


Seit den 1980er Jahren wird die Schnabelbehandlung der Puten zunehmend professioneller und schonender durchgeführt. Während früher die Schnabelspitzen mit Zangen oder dem sogenannten „heißen Messer“ entfernt wurden – ein Bild, das der Schnabelbehandlung teilweise auch heute noch anhaftet – hat sich in der Realität inzwischen der Einsatz einer schonenden Infrarotbehandlung durchgesetzt. Der Infrarotstrahl, der ausschließlich am ersten Lebenstag der geschlüpften Küken zur Anwendung gelangt, trennt die Schnabelspitze nicht ab, sondern greift in die Gewebestrukturen des Schnabels ein, sodass der in dieser Weise behandelte Bereich nach etwa zehn bis vierzehn Tagen ohne einen erneuten Eingriff abfällt. Der Vorgang verursacht keine offenen Wundern oder Blutungen, wodurch ein Schutz vor Infektionen gegeben ist.

Gewebeuntersuchungen des Tierpathologen Dr. Wolfram Haider haben gezeigt, dass die Heilung des Schnabels bis zur 30. Lebenswoche gut verläuft und in den meisten Fällen zu einem medizinisch zufriedenstellenden Schnabelschluss führt. Er hat auch keine Anzeichen dafür gefunden, dass die Behandlung zu anhaltenden Schmerzen und zu einer Beeinträchtigung der Tiere führt. Eine Studie des britischen Department of Environment, Food and Rural Affairs (DEFRA) gelangt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass keine negativen Auswirkungen auf die sensorische Funktion des Schnabels und keine chronischen Schmerzen festzustellen sind. Angesichts der Tatsache, dass eine Nichtbehandlung zu nicht kontrollierbaren Ausbrüchen von Federpicken und Kannibalismus und damit zu unnötigen Leiden für die Tiere führen kann, ist die Infrarotbehandlung der Schnabelspitzen eine wichtige Maßnahme zum vorbeugenden Tierschutz.

Die Suche nach den Ursachen: Wie lässt sich das Federpicken verhindern?



Nach heutiger Forschung gilt als wahrscheinlich, dass das Federpicken eine Fehlleitung des natürlichen Pickens ist. Um zukünftig auf die Schnabelbehandlung von Puten verzichten zu können, muss man die Ursachen dieser Verhaltensstörung kennen, um dann gezielt darauf reagieren zu können. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Federpicken und Kannibalismus auf mehrere Faktoren zurückgeführt werden können: So spielen anscheinend die Genetik der Tiere, das Betriebsmanagement, die Haltungssysteme, das Futter aber auch das Licht eine wichtige Rolle.

Häufig wird die Frage gestellt, ob sich durch züchterische Maßnahmen das Federpicken in Putenbeständen nicht verhindern lassen könnte. Solche Eingriffsmöglichkeiten sind aber nach Auskunft der führenden Genetiker sehr begrenzt. Dies würde lange und aufwändige Selektionsmaßnahmen bei den Zuchttieren bedeuten, um bestimmte Verhaltenseigenschaften zu erreichen bzw. zu vermeiden. Ein weiteres Problem ist darin begründet, dass die Zucht auf Einzeltierbasis erfolgt, Federpicken jedoch nur unter realen Haltungsbedingungen in Gruppen auftreten. Auf der Ebene der Zuchtunternehmen wird gegenwärtig in mehreren Projekten untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, über die Zuchtauswahl das Federpicken zu kontrollieren.

In einem Forschungsprojekt der Tierärztlichen Hochschule Hannover wurde der Frage nachgegangen, ob sich durch Versorgung der Putenhennen mit tierischem Eiweiß eine Reduzierung des Federpickens erreichen lässt. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Weiterhin wurde deutlich, dass der Schnabelzustand von größter Bedeutung ist. So wurden am Ende der Aufzucht etwa doppelt bis achtmal so viele Verletzungen bei Puten mit ungekürzten Schnäbeln vorgefunden wie in den Vergleichsgruppen. Die beteiligten Wissenschaftler gelangen zu dem Ergebnis, dass bei der Haltung von nicht schnabelgekürzten Puten mit einem deutlichen Anstieg der Prävalenz von Hautverletzungen und Federverlusten zu rechnen ist.

Kann auf die Schnabelbehandlung bald verzichtet werden?



Es wird an verschiedenen Stellen daran gearbeitet, in Zukunft auf die Schnabelbehandlung von Puten verzichten zu können. Allerdings ist noch kein Durchbruch erreicht worden, weder in der Zucht noch in der wissenschaftlichen Erarbeitung von Handlungsempfehlungen. Auf der Basis des heutigen Kenntnisstandes und der Ergebnisse vorliegender Pilotstudien erscheint ein Verbot der Schnabelbehandlung von Puten ab dem Jahr 2018 aus wissenschaftlicher Sicht als nicht vertretbar.

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