ESBL-Keime: Valide Informationen sind gefragt

von Dr. med. vet. Manfred Stein, Tierarzt und Herausgeber der Webseite animal-health-online.de

Kategorie: Gastbeitrag
Kaum eine Woche vergeht, in der in den Medien nicht eine tödliche Gefahr durch resistente Keime wie ESBL-Bakterien in und auf Fleisch heraufbeschworen wird. ESBL steht für „extended-spectrum beta-lactamases“ und bezeichnet Enzyme, die ein breites Spektrum von Beta-Laktam-Antibiotika unwirksam machen. Wegen der medial notwendigen und politisch gewollten Kürze der Berichterstattung bleiben viele Fragen unbeantwortet. Deshalb lohnt es sich, den Blick auf die anerkannte Fachliteratur zu lenken, um qualifizierte Antworten zu erhalten.
Wie verbreitet sind ESBLs?

Es ist eine seit langem bekannte Tatsache, dass ESBL-Keime weit verbreitet sind. Wie der Hamburger Senat kürzlich mit Hinweis auf die amtliche Lebensmittelüberwachung (15) mitteilte, wurden ESBL-Coli-Bakterien in der jüngeren Vergangenheit in 9 von 18 Hähnchenfleischproben aus dem Einzel- und Großhandel sowie in 27 von 35 Hähnchenfleischimportproben nachgewiesen. Ebenso in fünf von 25 Wildfleischproben: dreimal in Hirschfleisch und je einmal in Reh- und Hasenfleisch. ESBLs (Escherichia coli) wurden laut Senat auch in zwei von zehn Fleischproben aus ökologischer Haltung gefunden, je einmal in Rind- und Putenfleisch. Zudem in gemischtem Biohackfleisch von Schwein und Rind. Auch aus 11 von 14 Schweinelebern wurden ESBL-Enterobakterien isoliert, neunmal handelte es sich um ESBL-bildende Escherichia coli. In einer Rinderleberprobe wurde ebenfalls dieser resistente Keim gefunden. Schließlich auch in einer von 14 Zwiebelmettwürsten (15).

Die vorgenannten Befunde decken sich mit der bekannten Fachliteratur. So wurden ESBLs in Dänemark auf Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch gefunden (14). In Deutschland auf Geflügelfleisch sowohl aus Bio- als auch aus konventioneller Produktion (2). Insoweit schließen alternative Produktionsformen antibiotikaresistente Keime nicht aus.

Auch auf Kräutern und Gemüse lassen sich ESBLs nachweisen (9,19). Natürlich finden sich ESBLs in Kläranlagen, Krankenhausabwässern und Oberflächengewässern bis hin zu Seen und ihren Sedimenten (11, 12). So ist es auch nicht verwunderlich, wenn ESBLs bei Ratten aus der Berliner Kanalisation nachgewiesen werden konnten (13). Selbst auf den Mobiltelefonen von Krankenhauspersonal wurde man fündig (16).

Welche Rolle spielt der internationale Personenverkehr?

Nicht zuletzt werden ESBLs durch den internationalen Reiseverkehr (18, 19, 29-31) oder durch heimkehrende Soldaten (17) um unseren Globus getragen. Eine immer größer werdende Rolle spielt auch der zunehmende Medizintourismus in deutsche Kliniken (33). 2012 waren es 224.000 Menschen, die Geld in die immer klammen Kassen deutscher Kliniken lenkten und zwangsläufig die Keime ihrer Herkunftsländer mitbrachten. Das Robert-Koch-Institut warnte vor Keimen, die selbst gegen Reserveantibiotika resistent waren und mit Verletzten des libyschen Bürgerkriegs in deutsche Krankenhäuser und OPs gelangten (33).

Auch der umgekehrte Weg ist üblich. So reisen jedes Jahr mehr als 450.000 Menschen auch aus Europa nach Indien, um sich dort einer Schönheitsoperation zum „Schnäppchenpreis“ zu unterziehen. Der Umsatz indischer Kliniken mit diesen Dienstleistungen wird auf rund 2 Milliarden US-Dollar geschätzt (32).

Ebenso können Vögel ESBLs über große Strecken transportieren (20-26) und Badeseen, landwirtschaftliche Flächen und Freilandhaltungen kontaminieren.

Welche Rolle spielen ESBLs aus der Tierhaltung beim Verbraucher?

Wie Humanmediziner des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in der Fachzeitschrift „International Journal of Medical Microbiology“ berichten, unterscheiden sich ESBL-Keime (E. coli) von Geflügelfleisch aus der Region Hamburg deutlich von solchen ESBLs, die die Autoren aus Stuhlproben von Patienten des Klinikums isolieren konnten.

Die Keime zeigten deutliche Unterschiede sowohl beim genetischen Fingerabdruck als auch bei den Resistenzmustern. Zudem waren die Humankeime deutlich häufiger gegen Reserveantibiotika (Fluorchinolone), Aminoglykoside und Trimethoprim-Sulfamethoxazol resistent als Keime von Geflügelfleisch. Die Wissenschaftler folgern, dass ESBL-Keime von Geflügelfleisch für die Besiedlung von Menschen keine Rolle spielen (1).

Die Studie bestätigt die Ergebnisse anderer Wissenschaftler aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland (4). Auch diese verglichen die Ähnlichkeiten von ESBL- Keimen von Mensch und Tier. Dabei fanden sich beim Vergleich des Erbgutes große Unterschiede. Nur 1,2 % der verglichenen Coli-Bakterien von Mensch und Tier zeigten eine Ähnlichkeit von 70 %. Kein resistenter Tierkeim war mit einem resistenten Keim vom Menschen tatsächlich identisch. Die Wissenschaftler empfehlen, die Übertragung von ESBL-Keimen von Mensch zu Mensch zu reduzieren.

Von vergleichbaren Ergebnissen berichteten Humanmediziner des „Universitair Medisch Centrum“ (UMC) in Utrecht anlässlich eines Kongresses in Berlin. Für ihre Untersuchungen hatten sie das Erbgut von ESBL-Keimen beim Menschen mit denen beim Geflügel verglichen. Auch hier waren die ESBL-Keime nicht identisch (5). Dänische Wissenschaftler machten ähnliche Beobachtungen bei ESBLs auf Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch (14).

Weniger Fleisch, weniger ESBLs?

Auch schützt ein deutlich reduzierter Fleischkonsum nicht vor einer Infektion mit ESBLs. So sind diese Keime in Ländern mit geringem Fleischkonsum wie Indien und Afrika in der Bevölkerung weitaus weiter verbreitet als in Europa, was andere Verbreitungswege in der menschlichen Umwelt wie Trinkwasser und mangelnde Hygiene nahe legt (27, 28). Hier wiederum schließt sich der Kreis zum Tourismus und den Eintrag dieser Keime in die entwickelten Regionen (30, 31) und Kliniken (19) unseres Planeten.

Sind Vegetarier im Vorteil?

Sollte Fleisch eine herausragende Rolle bei der Besiedlung von Menschen mit resistenten ESBLs sein, dann müssten Vegetarier deutlich seltener betroffen ein. Diese Vermutung konnten Mediziner der Charité-Universitätsmedizin in Berlin nicht bestätigen. Sie fanden bei Stuhluntersuchungen von Vegetariern und Fleischessern keine Unterschiede bei der Besiedlung mit ESBLs (3). Dieser Befund korrespondiert mit einer Reihe von Studien, die belegen, dass Vegetarier mehr resistente Keime in ihren Eingeweiden beherbergen als Fleischesser (Gemischtköstler) (6-8). Es ist in der Fachliteratur dokumentiert, dass ESBLs auch auf Kräutern (9) und Gemüse (10) vorkommen. Da Gemüse und Kräuter in der Küche und als Naturheilmittel häufig roh verzehrt werden, sehen die Experten hier einen Eintragpfad von resistenten Keimen zum Menschen. Geflügel und anderes Fleisch hingegen wird regelmäßig vor dem Verzehr erhitzt (gebraten, gegrillt, gekocht), sodass alle Keime abgetötet werden. Ausnahmen bilden Tatar, Schweinemett und Rohwürste, die durch die Verwendung von Nitritpökelsalz stabilisiert werden.

Fazit

Das Problem resistenter Keime ist zu wichtig, als dass die Diskussion anhand von Berichten in der Laienpresse geführt werden sollte. Mediziner, Politik und Wirtschaft können nur mit wissenschaftlich validen Informationen tragfähige und zielführende Entscheidungen treffen. Wer den Antibiotikaeinsatz bei Tieren in der Landwirtschaft reduzieren möchte, der muss sich um eine bessere Tiergesundheit bemühen: Gesunde Tiere brauchen kaum Antibiotika!

 

Literatur 

(1) Belmar Campos C, Fenner I, Wiese N, Lensing C, Christner M, Rohde H, Aepfelbacher M, Fenner T, Hentschke M. Prevalence and genotypes of extended-spectrum beta-lactamases in Enterobacteriaceae isolated from human stool and chicken meat in Hamburg, Germany. Int J Med Microbiol. 2014 May 6. pii: 1438–4221 [online] 

(2) Kola A, Kohler C, Pfeifer Y, Schwab F, Kühn K, Schulz K, Balau V, Breitbach K, Bast A, Witte W, Gastmeier P, Steinmetz I. High prevalence of extended-spectrum β-lactamase-producing Enterobacteriaceae in organic and conventional retail chicken meat, Germany. J. Antimicrob. Chemother. (2012) 67 (11): 2631-2634.

(3) Königer D, Gastmeier P, Kola A, Schwab F, Meyer E. Vegetarians are not less colonized with extended-spectrum β-lactamase-producing bacteria than meat eaters. J. Antimicrob. Chemother. (2014) 69 (1): 281–282. 

(4) Wu G, Day MJ, Mafura MT, Nunez-Garcia J, Fenner JJ, Sharma M, van Essen-Zandbergen A, Rodriguez I, Dierikx C, Kadlec K, Schink A-K, Wain J, Helmuth R, Guerra B, Schwarz S, Threlfall J, Woodward MJ, Woodford N, Coldham N [&] Mevius D. Comparative analysis of ESBL-positive Escherichia coli isolates from animals and humans from the UK, the Netherlands and Germany. PLoS One 8(9): e75392 (2013). Doi:10.1371/journal.pone0075392 . 

(5) De Been M, Scharringa J, Du Y, Hu J, Liu Z, Lei Y, Cen Z, Cohen Stuart JWT, Fluit A, Leverstein-van Hall MA, Bonten MJM, Willems R, van Schaik W. Whole genome sequence-based epidemiological analysis of ESBL-producing Escherichia coli. 23rd European Congress of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (23rd ECCMID), 27–30 April 2013, Berlin, Germany.

(6) Guinee P, Ugueto N, Van-Leuven,. E. coli with resistance factors in vegetarians, babies, and non-vegetarians. Appl Microbiol 1970, 20, 531–535. 

(7) Elder HA, Roy I, Lehmann S, Phillips RL, Kass EH. Human studies to measure the effect of antibiotic residues. Vet Human Toxicol, 1993, 35, Suppl 1, 31–36. 

(8) Sannes MR, Belongia EA, Kieke B, Smith K, Kieke A, Vandermause M, Bender J, Clabots C, Winokur P, Johnson JR. Predictors of antimicrobial-resistant Escherichia coli in the feces of vegetarians and newly hospitalized adults in Minnesota and Wisconsin. J Infect Dis 2008; 197, 430–4.

(9) Veldman K, Kant A, Dierikx C, van Essen-Zandbergen A, Wit B, Mevius D. Enterobacteriaceae resistant to third-generation cephalosporins and quinolones in fresh culinary herbs imported from Southeast Asia. Int J Food Microbiol. 2014 Feb 25;177C:72–77. doi: 10.1016/j.ijfoodmicro.2014.02.014. [Epub ahead of print] 

(10) Reuland EA, Al Naiemi N, Raadsen SA, Savelkoul PH, Kluytmans JA, Vandenbroucke-Grauls CM. Prevalence of ESBL-producing enterobacteriaceae in raw vegetables. Eur J Clin Microbiol Infect Dis. 2014 May 22. [Epub ahead of print]

(11) Zurfluh K, Hächler H, Nüesch-Inderbinen M, Stephan R. Characteristics of extended-spectrum β-lactamase- and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae isolates from rivers and lakes in Switzerland. Appl. Environ. Microbiol. May 2013 vol. 79 no. 9 3021–3026.

(12) Czekalski N, Berthold T, Caucci S, Egli A, Bürgmann H. Increased levels of multiresistant bacteria and resistance genes after wastewater treatment and their dissemination into Lake Geneva, Switzerland. Front. Microbiol., 22 March 2012 | doi: 10.3389/fmicb.2012.00106. [online]

(13) Guenther S, Wieler LH, Wuttke J, Ewers C, Bethe A, Vojtech J, Schaufler K, Semmler T, Ulrich RG. Is fecal carriage of extended-spectrum β-Llactamase-producing Escherichia coli in urban rats a risk for public health?Antimicrob. Agents Chemother. May 2013 vol. 57 no. 5 2424–2425.

(14) Carmo LP, Nielsen LR, da Costa PM, Alban L. Exposure assessment of extended-spectrum beta-lactamases/AmpC beta-lactamases-producing Escherichia coli in meat in Denmark. Infect Ecol Epidemiol. 2014 Feb 5;4. doi: 10.3402/iee.v4.22924. ECollection 2014.

(15) Hamburger Senat. Antwort des Hamburger Senats auf eine schriftliche Kleine Anfrage der Abgeordneten Heidrun Schmitt (GRÜNE) vom 21.05.2014 - Drucksache 20/11902 Betr.: Antibiotikaresistente Keime in Fleisch- und Fleischprodukten; 27. Mai 2014.

(16) Ustun C, Cihangiroglu M. Health care workers' mobile phones: a potential cause of microbial cross-contamination between hospitals and community. J Occup Environ Hyg. 2012;9(9):538–42. doi: 10.1080/15459624.2012.697419.

(17) Janvier F, Delacour H, Tessé S, Larréché S, Sanmartin N, Ollat D, Rapp C, Mérens A. Faecal carriage of extended-spectrum β-lactamase-producing enterobacteria among soldiers at admission in a French military hospital after aeromedical evacuation from overseas. Eur J Clin Microbiol Infect Dis. 2014 May 8. [Epub ahead of print]

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(33) Robert Koch Institut. Zum Auftreten multiresistenter Erreger bei in EU-Ländern behandelten libyschen Patienten. Epidemiologisches Bulletin, 17. Oktober 2011 / Nr. 41, 379.

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