Kritik

Schnabelbehandlung

Die Schnabelbehandlung ist eine in der Putenhaltung praktizierte Maßnahme des vorbeugenden Tierschutzes, bei der die Spitzen der Schnäbel mittels Infrarotmethode gekürzt werden. Dadurch sollen tierschutzrelevante Verletzungen durch gegenseitiges Federpicken verhindert werden.

Die Ursachen des Federpickens sind bis heute ungeklärt. Das Phänomen ist in der Putenhaltung bei allen Bestandsgrößen und in allen Haltungsformen zu beobachten und ist Gegenstand intensiver Forschung.

Hintergrund
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Anlass für die Schnabelbehandlung ist das Federpicken

Ziel der Schnabelbehandlung ist es, die Tiere vor gegenseitigen Verletzungen zu schützen, die durch das sogenannte Federpicken zustande kommen. Das Federpicken bezeichnet eine Art „Verhaltensstörung“, bei der sich die Tiere gegenseitig Federn ausrupfen und sich so zum Teil Verletzungen zufügen können. Die ursächlichen Gründe für das Auftreten sind trotz intensiver wissenschaftlicher Forschungen bis heute nicht ganz klar: Das Phänomen wurde bereits im 19. Jahrhundert erstmals bei Geflügel beschrieben und die Wissenschaft geht heute davon aus, dass das Auftreten durch eine Kumulation unterschiedlicher Faktoren (multifaktorielle Ursachen) begründet werden kann.

Fakt ist: Das Federpicken tritt unabhängig von der Größe des Bestandes, in kleinen und großen Ställen und unabhängig von der Haltungsform auf. So tritt das Federpicken in einigen Beständen auf, in anderen nahezu identischen Beständen der gleichen Größe und Ausstattung aber wiederum nicht. Eine pauschale Reduzierung des Phänomens allein auf die Menge an Tieren, die in einem Stall gehalten werden, greift entsprechend zu kurz. Die Schnabelbehandlung ist damit eine Maßnahme des vorbeugenden Tierschutzes.

So wird die Schnabelbehandlung in Deutschland tierschutzkonform umgesetzt

In Deutschland werden den Puten niemals die kompletten Schnäbel, sondern ausschließlich deren Spitzen entfernt. Dabei wird eine nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelte, schonende Infrarotmethode angewendet. Die Behandlung findet am ersten Lebenstag direkt in der Brüterei statt und dauert nur wenige Sekunden.

Nach der Infrarotbehandlung kommt es zunächst zu keinen äußerlichen Veränderungen, nach einigen Tagen fällt die Schnabelspitze von alleine ab. Weil keine Blutungen oder offenen Wunden entstehen, ist auch ein Schutz vor Infektionskrankheiten gegeben.

Neue Ansätze in der Forschung

Die wissenschaftliche Forschung zur Schnabelbehandlung hat gezeigt, dass von einer vollständigen Wiederherstellung der sogenannten Innervation, also der funktionellen Versorgung des Schnabels mit Nervenfasern und -zellen, ausgegangen werden kann. Weiterhin ist im Zusammenhang mit der Schnabelbehandlung keine Bildung von Neuromen festzustellen, welche für einen chronischen Schmerz verantwortlich wären. Bei schnabelbehandelten Tieren ist keine andere Gewichtsentwicklung festzustellen als bei unbehandelten – das Picken zur Futteraufnahme wird also nicht beeinträchtigt.

Die deutsche Geflügelwirtschaft setzt sich kontinuierlich mit der Frage auseinander, ob ein Ausstieg aus der Schnabelbehandlung im Sinne des Tierschutzes zu verantworten ist. Nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ist dies zu verneinen. Allerdings begrüßt die Branche jeden Vorstoß der Forschung und leistet aktive Unterstützung, sowohl ideeller als auch materieller Natur.

FAQ
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1. Frage: Ist die Schnabelbehandlung gesetzlich zugelassen?

Antwort: Grundsätzlich sind Amputationen nach §6 des Tierschutzgesetzes in Deutschland verboten, die sogenannte „Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Durchführung des Tierschutzgesetzes“ sieht in Bezug auf das Schnabelkürzen aber Ausnahmeregelungen vor: Auf Antrag des Tierhalters oder der Brüterei kann die Behörde eine Erlaubnis zum Kürzen der Schnäbel erteilen, wenn plausibel dargelegt werden kann, dass dies zur Vermeidung schwerwiegender Schäden durch Federpicken oder Kannibalismus unerlässlich ist. Als unerlässlich gilt der Eingriff dann, „wenn [nach derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse und feststehenden praktischen Erfahrungen] bekannte, für Federpicken und Kannibalismus (mit) ursächliche Faktoren soweit wie möglich ausgeschlossen worden sind, aber dennoch der Gefahr des Auftretens dieses Verhaltens und der damit verbundenen Schmerz-, Leidens- und Schadenszufügung der Tiere untereinander anders nicht begegnet werden kann“.

2. Frage: Tritt Federpicken nur bei der konventionellen Tierhaltung auf?

Antwort: Nein, das Federpicken tritt zum Beispiel auch in Betrieben der ökologischen Erzeugung auf. Das Phänomen des Federpickens kann auch nicht anhand der Besatzdichte erklärt werden, sondern tritt immer multifaktoriell bedingt auf. Zahlreiche Forschungsbestrebungen widmen sich der Ergründung dieser Faktoren.

Blog
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von Prof. i. R. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, WING, 08. August 2014

Kann in der Putenhaltung schon bald auf die Schnabelbehandlung verzichtet werden?

Weil es in Putenbeständen zu sogenanntem Federpicken kommen kann, wird bei Puten eine Behandlung der Schnabelspitzen vorgenommen, um schwere Gefiederschäden, die zu einem Leiden der Tiere führen würden, sowie hohe Mortalitätsraten zu verhindern. Geflügelhalter, Tierschutzorganisationen und Politiker vertreten zum Teil sehr konträre Meinungen hinsichtlich der Notwendigkeit, diese Maßnahme durchzuführen. Im Rahmen mehrerer Pilotprojekte sucht die Geflügelwirtschaft bereits seit geraumer Zeit nach Möglichkeiten, in Zukunft ohne die Schnabelbehandlung auskommen zu können.

Federpicken und Kannibalismus sind Verhaltensstörungen, die schon seit Jahrzehnten unabhängig von der Haltungsform in Putenbeständen auftreten. Erstmals beschrieben wurden diese Phänomene bereits 1873 von R. Oettel. Beim Federpicken werden Puten von ihren Artgenossen schwere Gefiederschäden zugefügt, die sogar bis zum Kannibalismus führen können. Um eine solche Verhaltensstörung zu unterbinden oder in einem kontrollierbaren Rahmen zu halten, werden die Schnabelspitzen der Puten behandelt. Hierzu sieht § 6 des Tierschutzgesetzes vor, dass ein solcher Eingriff im Einzelfall von den Aufsichtsbehörden genehmigt werden kann, wenn er „für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlässlich ist“. Die Schnabelbehandlung dient also dem Schutz des einzelnen Tieres oder des gesamten Bestandes.

Wie erfolgt die Schnabelbehandlung?

Seit den 1980er Jahren wird die Schnabelbehandlung der Puten zunehmend professioneller und schonender durchgeführt. Während früher die Schnabelspitzen mit Zangen oder dem sogenannten „heißen Messer“ entfernt wurden – ein Bild, das der Schnabelbehandlung teilweise auch heute noch anhaftet – hat sich in der Realität inzwischen der Einsatz einer schonenden Infrarotbehandlung durchgesetzt. Der Infrarotstrahl, der ausschließlich am ersten Lebenstag der geschlüpften Küken zur Anwendung gelangt, trennt die Schnabelspitze nicht ab, sondern greift in die Gewebestrukturen des Schnabels ein, sodass der in dieser Weise behandelte Bereich nach etwa zehn bis vierzehn Tagen ohne einen erneuten Eingriff abfällt. Der Vorgang verursacht keine offenen Wundern oder Blutungen, wodurch ein Schutz vor Infektionen gegeben ist.  

Gewebeuntersuchungen des Tierpathologen Dr. Wolfram Haider haben gezeigt, dass die Heilung des Schnabels bis zur 30. Lebenswoche gut verläuft und in den meisten Fällen zu einem medizinisch zufriedenstellenden Schnabelschluss führt. Er hat auch keine Anzeichen dafür gefunden, dass die Behandlung zu anhaltenden Schmerzen und zu einer Beeinträchtigung der Tiere führt. Eine Studie des britischen Department of Environment, Food and Rural Affairs (DEFRA) gelangt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass keine negativen Auswirkungen auf die sensorische Funktion des Schnabels und keine chronischen Schmerzen festzustellen sind. Angesichts der Tatsache, dass eine Nichtbehandlung zu nicht kontrollierbaren Ausbrüchen von Federpicken und Kannibalismus und damit zu unnötigen Leiden für die Tiere führen kann, ist die Infrarotbehandlung der Schnabelspitzen eine wichtige Maßnahme zum vorbeugenden Tierschutz.

Die Suche nach den Ursachen: Wie lässt sich das Federpicken verhindern?

Nach heutiger Forschung gilt als wahrscheinlich, dass das Federpicken eine Fehlleitung des natürlichen Pickens ist. Um zukünftig auf die Schnabelbehandlung von Puten verzichten zu können, muss man die Ursachen dieser Verhaltensstörung kennen, um dann gezielt darauf reagieren zu können. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Federpicken und Kannibalismus auf mehrere Faktoren zurückgeführt werden können: So spielen anscheinend die Genetik der Tiere, das Betriebsmanagement, die Haltungssysteme, das Futter aber auch das Licht eine wichtige Rolle.

Häufig wird die Frage gestellt, ob sich durch züchterische Maßnahmen das Federpicken in Putenbeständen nicht verhindern lassen könnte. Solche Eingriffsmöglichkeiten sind aber nach Auskunft der führenden Genetiker sehr begrenzt. Dies würde lange und aufwändige Selektionsmaßnahmen bei den Zuchttieren bedeuten, um bestimmte Verhaltenseigenschaften zu erreichen bzw. zu vermeiden. Ein weiteres Problem ist darin begründet, dass die Zucht auf Einzeltierbasis erfolgt, Federpicken jedoch nur unter realen Haltungsbedingungen in Gruppen auftreten. Auf der Ebene der Zuchtunternehmen wird gegenwärtig in mehreren Projekten untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, über die Zuchtauswahl das Federpicken zu kontrollieren.

In einem Forschungsprojekt der Tierärztlichen Hochschule Hannover wurde der Frage nachgegangen, ob sich durch Versorgung der Putenhennen mit tierischem Eiweiß eine Reduzierung des Federpickens erreichen lässt. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Weiterhin wurde deutlich, dass der Schnabelzustand von größter Bedeutung ist. So wurden am Ende der Aufzucht etwa doppelt bis achtmal so viele Verletzungen bei Puten mit ungekürzten Schnäbeln vorgefunden wie in den Vergleichsgruppen. Die beteiligten Wissenschaftler gelangen zu dem Ergebnis, dass bei der Haltung von nicht schnabelgekürzten Puten mit einem deutlichen Anstieg der Prävalenz von Hautverletzungen und Federverlusten zu rechnen ist.

Kann auf die Schnabelbehandlung bald verzichtet werden?

Es wird an verschiedenen Stellen daran gearbeitet, in Zukunft auf die Schnabelbehandlung von Puten verzichten zu können. Allerdings ist noch kein Durchbruch erreicht worden, weder in der Zucht noch in der wissenschaftlichen Erarbeitung von Handlungsempfehlungen. Auf der Basis des heutigen Kenntnisstandes und der Ergebnisse vorliegender Pilotstudien erscheint ein Verbot der Schnabelbehandlung von Puten ab dem Jahr 2018 aus wissenschaftlicher Sicht als nicht vertretbar.

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